Prof. Dr. med. habil.
Robert Schönmayr

 

 

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Interview HSK Aktuell

HSK Aktuell: In Wiesbaden gab es 1992 keine Abteilung für Neurochirurgie oder Klinik, die sich speziell mit Wirbelsäulenchirurgie befasst hätte. So stand am Anfang Ihrer die Aufgabe, zum einem das volle Spektrum der neurochirurgischen Versorgung der Bevölkerung in Wiesbaden, dem Rheingau-Taunus Kreis und der Umgebung sicher zu stellen, zum andern auch in der Bäderstadt Wiesbaden den Schwerpunkt   Wirbelsäulenchirurgie zu etablieren. Wir konnte dies erreicht werden?

Prof. Dr. Robert Schönmayr: Die Stadt Wiesbaden als Krankenhausträger hatte die erforderlichen personellen und medizintechnischen Mittel zur Verfügung gestellte. Bereits im ersten Jahr verfügte die Klinik über modernste Medizintechnik auf internationalem Niveau.

HSK Aktuell: Mit Beginn der 90er Jahre hat die Wirbelsäulenchirurgie einen ungeheuren Entwicklungsschub mit innovativen Techniken und Implantaten erlebte, der bis heute anhält. Wo sehen Sie die Stärke der Klinik für Neurochirurgie der HSK?

Prof. Dr. Robert Schönmayr: Gleich zu Beginn konnte ich im Zusammenwirken mit der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie ein Operationsteam für Wirbelsäulenchirurgie ins Leben zu rufen. Zunächst, um alle operativen Techniken auch für komplexe Unfallverletzungen und Wirbelsäulenrekonstruktionen bei Tumorerkrankungen bereit zu stellen. Dann aber auch, um unseren Patienten neben den internationalen Standards innovative Techniken an-bieten zu können.

Dazu zählen vor allem wenig invasive Techniken bei Alterserkrankungen der Wirbelsäule, die auch für über 80-jährige Patienten und solche mit mehrfachen internistischen Erkrankungen geeignet waren. Aber auch die Versorgung mit neuartigen Implantaten wie Bandscheibenprothesen oder dynamischen Stabilisierungen, die auch heute weiter an Bedeutung gewinnen.

HSK Aktuell: Und die Zusammenarbeit mit den weiteren chirurgischen Disziplinen der HSK?
 
Prof. Dr. Robert Schönmayr: Um den Patienten ein Optimum an Sicherheit, Kenntnissen und Operationstechnik bieten zu können, hat die Neurochirurgie von Anfang an eng interdisziplinär mit den anderen Kliniken der HSK zusammen gearbeitet. So werden komplexe Wir-belsäulenoperationen zusammen mit der Klinik für Unfall-, Hand- und Orthopädische Chirurgie versorgt, Bandscheibenprothesen der Lendenwirbelsäule mit der Klinik für Gefäßchirurgie. Eine umfangreiche Serie von Patienten mit Tumoren, die die Brustwand und die Wirbelsäule erfasst hatten, wurde zusammen mit der Klinik für Thoraxchirurgie erfolgreich operiert. Patienten mit Tumoren der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) oder der Schädelbasis werden gemeinsam mit den Kollegen der Klinik für Hals-Nasen-Ohren Heilkunde, Kopf und Halschirurgie operativ behandelt.

HSK Aktuell: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist Garant für den Erfolg in der optimalen Patientenbehandlung? 

Prof. Dr. Robert Schönmayr: In vieleinigen Fächern ist das so. Das  gemeinsame Vorgehen bei Hirngefäßerkrankungen, Hirnblutungen und Hirninfarkten mit der Klinik für Neurologie und der Abteilung für interventionelle Neuroradiologie ist von großem Vorteil für den Patienten. Eine Besonderheit ist auch die enge Verzahnung unserer Abteilung für Kinderneurochirurgie mit der Klinik für Kinder und Jugendliche, die eine optimale Versorgung sicherstellt. Es wäre unklug, den großen Vorteil, in den HSK so viele Disziplinen unter einem Dach zu haben, nicht zu nutzen.

HSK Aktuell: Ich erinnere an eine Überschrift in einer Klinikzeitschrift von 1999 „Navigationssystem OP 2015 Visionen werden Realität“. Nun beginnt in Kürze das Jahr 2013. Haben Sie diese Zukunftsvisionen in der HSK erfüllt?

Prof. Dr. Robert Schönmayr: Unsere Klinik war eine der ersten in Deutschland die sich mit bildgestütztem computerassistiertem Operieren im Schädelinneren befasste. Stichwort: Neuronavigation. Damit lassen sich Eingriffe im Schädel besser planen, präziser und damit mit größerer Sicherheit durchführen.

Die ersten voll funktionstüchtigen Systeme, die Ende 1993 zur Verfügung standen, waren teuer, und die Investitionsmittel der HSK chronisch knapp. Um dennoch eines an die HSK zu bekommen, wurde dem Hersteller angeboten, bei der Weiterentwicklung des Systems mit zu wirken und andere Ärzte in das System einzuweisen, d.h. als internationales Referenzzentrum zur Verfügung zu stehen. Außerdem wurde 1993 die Wiesbadener Neurochirurgische Gemeinschaft (WING) gegründet, die Spenden sammelte, Benefizveranstaltungen abhielt und schließlich einen wesentlichen finanziellen Beitrag zum Erwerb des ersten Neuronavigationssystems 1995 leistete.

HSK Aktuell: Ihre Klinik gehörte oftmals zu ersten Kliniken bundesweit, europaweit sogar weltweit, die neue Verfahren einsetzen konnte.

Prof. Dr. Robert Schönmayr: Für den Zugang zu neuen Technologien und ihre Bewertung war es unerlässlich, an den wichtigsten internationalen Kongressen und Workshops teil zu nehmen und den intensiven Austausch mit Fachkollegen zu pflegen. Da in Wiesbaden sehr bald Erfahrungen zu neuen Verfahren vorlagen und entsprechend ausgewertet und kommuniziert wurden, entstand Interesse, hier bei Operationen zu hospitieren und Techniken zu erlernen. Schon 1995 wurde der erste internationale Workshop an den HSK abgehalten, dem noch viele folgen sollten.

In Jahren 2009 und 2010 haben an der Neurochirurgie der HSK die ersten Patienten in Europa einen neuartigen Wirbelgelenksersatz erhalten, der in der bisher 2-jährigen Nachbeobachtung hervorragende Ergebnisse gezeitigt hat. Seit 2011 wurden alle erforderlichen Voraussetzungen geschaffen, um an einer multizentrischen Studie zur Knorpelzelltransplantation bei Bandscheibenerkrankungen teilnehmen zu können.

Entsprechend erfolgten Einladungen, diese Operationstechniken und die mit ihnen erzielten Ergebnisse auch außerhalb Wiesbadens zu präsentieren. So wurden im Rahmen von wissenschaftlichen Veranstaltungen Operationen in Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, England, Saudi-Arabien, Bahrain, Brasilien, Südafrika, Korea, Australien von mir durchgeführt.

HSK Aktuell: Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?

Prof. Dr. Robert Schönmayr: Noch habe ich Aufgaben in Lehre und Forschung wahr zu nehmen und darf auch noch meine Erfahrungen im Rahmen interpationaler Operationskurse und wissenchaftlicher Gremien weitergeben. Ich gebe aber gerne zu, dass ich nach 40 Jahren intensiver beruflicher Tätigkeit jetzt auch meinen Neigungen leben möchte: die Fliegerei, die ich seit 35 Jahren nur auf Sparflamme betreiben konnte, Bergwandern, Skifahren, Oper, Schauspiel, Literatur, Reisen - aber auch Zeit für meine Frau und zur Besinnung - an Plänen und Wünschen mangelt es nicht!